Die Ausgangslage

Die Holzbildhauerei als Handwerk

Die Holzbildhauerei ist ein kleines Handwerk. Es gibt vergleichsweise wenige Selbstständige, die verteilt in unterschiedlichen Regionen arbeiten. Die Bandbreite ist groß: künstlerisch, handwerklich, traditionell, modern, restaurierend, gestaltend. Das Handwerk ist nicht homogen, sondern besteht aus vielen unterschiedlichen Arbeitsweisen und Nischen.

In der Öffentlichkeit wissen viele Menschen gar nicht, dass es den Beruf Holzbildhauerei überhaupt gibt. Das Handwerk ist wenig sichtbar, es fehlt an gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit.

Fehlende übergeordnete Strukturen

Ein übergeordnetes Netzwerk, das die Holzbildhauerei im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) oder auch darüber hinaus in Europa zusammenfasst, existiert bisher nicht. Was es gibt, sind Einzelstrukturen: Schulen, Innungen, Stiftungen, lokale Gruppen, Symposien. Diese arbeiten oft nebeneinander her, ohne voneinander zu wissen oder sich abzustimmen.

Wer neu in das Handwerk kommt, muss sich Informationen mühsam zusammensuchen. Es gibt, soweit bekannt, kein umfassendes Lehrbuch zur Holzbildhauerei, keine übergeordnete Gestaltungslehre, keinen zentralen Ort, an dem Wissen gesammelt ist. Vieles existiert nur in den Köpfen einzelner Menschen und droht verloren zu gehen, besonders wenn erfahrene Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer in den nächsten Jahren in Rente gehen.

Die Erfahrung der Ausbildung

Die Ausbildung an den Berufsfachschulen ist für viele eine prägende Erfahrung: drei intensive Jahre, oft in kleinen Gruppen. An manchen Schulen ist man in einem eher ländlichen Szenario und erlebt eine sehr intensive, oft sehr positiv wahrgenommene Zeit. Viele Absolventinnen und Absolventen verbindet diese Erfahrung stark mit ihrer Identität als Holzbildhauerin oder Holzbildhauer.

Während der Ausbildung gab es immer wieder Aktionen zur Vernetzung, die als sehr wertvoll empfunden wurden: Besuche bei anderen Schulen, etwa der Berufsschule in Oberammergau, gemeinsame Projekte und Symposien. Diese Begegnungen mit Menschen in der gleichen Situation wurden als wichtig und fruchtbar erlebt.

Gleichzeitig ist der Übergang nach der Ausbildung schwierig. Es gibt wenig Orientierung, welche Wege möglich sind. Man bekommt während der Ausbildung Wissen vermittelt, aber weiß nicht wirklich, wie es danach weitergeht. Festanstellungen sind selten, der Weg führt meist in die Selbstständigkeit mit unsicherer Auftragslage oder in verwandte Bereiche, wo die Ausbildung nützlich ist. Es gibt zwar Weiterbildungsmöglichkeiten wie die Meisterschule in München, aber ansonsten wenige Ansatzpunkte, wie man außerhalb von Selbstständigkeit direkt in das Holzbildhauerei-Leben starten kann. Nur relativ wenige Absolventinnen und Absolventen werden tatsächlich als Holzbildhauerinnen oder Holzbildhauer selbstständig. Manche fühlen sich nach der Ausbildung allein gelassen.

Bestehende Strukturen

Die Schulen

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mehrere Berufsfachschulen und Berufsschulen für Holzbildhauerei, unter anderem in Bischofsheim an der Rhön, Berchtesgaden, Oberammergau, Flensburg und Brienz (Schweiz). An diesen Schulen findet die Ausbildung statt, es gibt Projekte und Austausch.

Die Schulen sind wichtige Orte, an denen noch relativ viel passiert: Es sind kontinuierlich Schülerinnen und Schüler in Ausbildung. Eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit oder ein gemeinsames Marketing der Schulen nach außen existiert bisher nicht.

Die ProWood Stiftung

Die ProWood Stiftung wurde 1999 vom deutschen Holzbearbeitungsmaschinenbau (im VDMA) gegründet. Sie fördert Bildung, Nachwuchs und Kultur rund um das Thema Holz. Im Bereich Holzbildhauerei organisiert sie zusammen mit der Kooperation europäischer Holzbildhauerschulen die Meisterklasse, ein Stipendienprogramm für die besten Absolventinnen und Absolventen eines Jahrgangs, das alle zwei Jahre stattfindet.

Außerdem koordiniert sie das jährliche Treffen der Holzbildhauereischulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, bei dem der aktuelle Stand besprochen und Erfahrungen ausgetauscht werden. Zwischen den Schulen gibt es also bereits ein aktives Netzwerk.

Die Stiftung ist ein wichtiger Knotenpunkt für die institutionelle Vernetzung auf Schulebene. Aus der Meisterklasse und dem Schulentreffen wurde viel Vernetzungsarbeit inspiriert.

Die Innungen

Es gibt Holzbildhauer-Innungen, etwa die Landesinnung der Holzbildhauer Baden-Württemberg, die seit 1977 besteht. Sie organisiert unter anderem den Europäischen Gestaltungspreis, einen alle drei Jahre stattfindenden Kunstwettbewerb für Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer aus ganz Europa.

Die Innungen sind klassische Handwerksstrukturen, ihr Aktivitätsgrad variiert je nach Region. Was genau in den verschiedenen Innungen passiert und wie aktiv sie sind, ist noch nicht vollständig erfasst. Hier einen Überblick zu bekommen, was die Innungen eigentlich machen und wie man mit ihnen zusammenarbeiten könnte, ist ein Ziel für die Zukunft.

Lokale und regionale Strukturen

In verschiedenen Regionen gibt es aktive Strukturen rund um die Holzbildhauerei: Vereine, Stiftungen, lokale Initiativen. In der Schweiz zum Beispiel betreibt die Stiftung zur Sammlung und Ausstellung von Holzschnitzereien in Brienz das Schweizer Holzbildhauerei Museum und setzt sich für den Erhalt des Handwerks ein. Die Brienzer Holzbildhauerei ist in der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen.

Auch anderswo gibt es solche lokalen Netzwerke und Initiativen. Ein übergeordnetes Netzwerk, das diese verbindet und sichtbar macht, könnte hilfreich sein.

Symposien und Veranstaltungen

Es gibt verschiedene Symposien, die regelmäßig stattfinden und wichtige Orte für Austausch sind: das Marmorsymposium in Laas (Südtirol), wo sich jedes Jahr Schülerinnen und Schüler von unterschiedlichen Holzbildhauereischulen treffen können, die Meisterklasse der ProWood Stiftung, und viele weitere einzelne Initiativen und Projekte einzelner Schulen oder Gruppen.

Diese Veranstaltungen werden als sehr wertvoll erlebt, weil man dort für eine intensive Zeit zusammenkommt und gemeinsam arbeitet.

Neuere Initiativen

Letzvernetz (2023/2024)

Aus der Erfahrung heraus, wie wichtig und fruchtbar der Austausch mit Menschen in der gleichen Situation sein kann, hat ein Team von Leuten aus den Berufsfachschulen Bischofsheim und Berchtesgaden das Projekt Letzvernetz gestartet. 2023 und 2024 wurden zwei Vernetzungstreffen für die junge Holzbildhauerei organisiert: jeweils ein Wochenende im Oktober auf einem Hof in Donauwörth, mit etwa 40 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Schulen und Kontexten.

Das Ziel war Vernetzung, Austausch und Kennenlernen. Der Leitsatz: „Letzvernetz ist eine Bewegung, die den Raum für den Austausch und die Vernetzung unter Holzbildhauer:innen eröffnet. Das Ziel ist es, das Netzwerk der Holzbildhauerei und dessen Selbstwert zu stärken."

Getragen wurde Letzvernetz 2024 vom Kunstverein Vabuku e.V., der 2022 von Absolventinnen und Absolventen verschiedener Schnitzschulen gegründet wurde und bereits verschiedene Symposien organisiert hat.

Aus diesen Treffen sind viele der aktuellen Ideen und Projekte entstanden. Das Orga-Team pausiert aktuell mit der Organisation weiterer Treffen in dieser Form und widmet sich anderen Projekten rund um die Holzbildhauerei-Vernetzung. Falls andere die Initiative ergreifen wollen, steht das Team beratend zur Verfügung und vermittelt gerne Kontakte.

Die Holzverbindung

Eine Telegram-Gruppe aus dem Umfeld der Holzbildhauerei. Hier werden sporadisch Informationen geteilt, Einladungen zu Symposien weitergegeben und Fragen gestellt. Ein niedrigschwelliger Anlaufpunkt, um schnell viele Menschen zu erreichen. Du kannst der Gruppe beitreten unter t.me/Holzverbindung1.

Das Schnitzwerk

Eine Plattform im Aufbau, die Wissen rund um die Holzbildhauerei sammeln und kostenlos zur Verfügung stellen soll: Porträts von Schulen und Werkstätten, praktische Tipps für den Berufseinstieg, Erfahrungsberichte, Veranstaltungshinweise, Fachwissen. Das Schnitzwerk wird ehrenamtlich von einem Team aufgebaut und soll in den kommenden Monaten online gehen.

Das Schnitzwerk soll zwei Arten von Inhalten haben: Einzelartikel zu konkreten Themen (Werkzeugpflege, Holzarten, Arbeitsmethoden) und sogenannte wachsende Artikel – übergeordnete Wissenssammlungen, die kollektiv gepflegt werden und mit der Zeit wachsen.

Die Kontaktsammlung

Im Dezember 2025 wurde eine erste Kontaktaktion gestartet. Über diese Website können sich Menschen eintragen, die mit Holzbildhauerei verbunden sind: Lernende, Praktizierende, Lehrende, Unterstützende. Daraus ist ein wachsender E-Mail-Verteiler entstanden.

Die Kontaktsammlung soll ein Startpunkt für Netzwerkaktionen sein: Wenn Projekte entstehen, Treffen organisiert werden oder Austausch stattfinden soll, gibt es bereits ein Netzwerk von Menschen, die Interesse haben und die man erreichen kann. Langfristig kann daraus auch ein regelmäßiger Newsletter entstehen, der über Neuigkeiten informiert.

Der Kaleido e.V.

Ein kleiner Verein, der als organisatorische Hülle für verschiedene Projekte dient: Träger des Schnitzwerks, Organisator der Letzvernetz-Treffen und weiterer Symposien. Kein Dachverband, sondern eher ein Zweckverein, eine Struktur, die es ermöglicht, Dinge umzusetzen. Das ist möglicherweise nicht das letzte Wort – die Strukturen können sich weiterentwickeln.

Vision und Selbstverständnis

Was wir wollen

Die Vision ist, dass die Holzbildhauerei zusammenrückt. Dass aus vielen kleinen Einzelnetzwerken ein gemeinsames Netzwerk wird, das sich gegenseitig unterstützt. Dass Menschen, die dieses Handwerk ausüben, lernen oder unterstützen wollen, wissen, an wen sie sich wenden können. Dass Wissen nicht verloren geht, sondern gesammelt und weitergegeben wird. Dass es mehr Sichtbarkeit und eine Lobby gibt für dieses Handwerk. Dass die Schulen nachhaltig unterstützt werden und mehr Menschen die Ausbildung machen.

Konkret könnte das bedeuten: regelmäßige Vernetzungstreffen für alle Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer (ähnlich wie Letzvernetz, aber größer und vielleicht etwas professioneller organisiert), eine gut gefüllte Wissensplattform, gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, vielleicht irgendwann ein Dachverband der Holzbildhauerei. Die genaue Form ist offen und soll gemeinsam entstehen.

Eine weitere Vision ist, dass es irgendwann ein umfassendes Lehrbuch oder zumindest eine übergeordnete Gestaltungslehre für Holzbildhauerei gibt – etwas, das bisher fehlt.

Wen wir erreichen wollen

Alle Menschen, die mit Holzbildhauerei verbunden sind: Auszubildende, Selbstständige, Angestellte, Lehrende, Menschen in verwandten Berufen, Hobbyschnitzerinnen und -schnitzer, Unterstützerinnen und Unterstützer des Handwerks.

Wie wir uns verstehen

Das Schnitzwerk-Team versteht sich als Initiativgruppe. Wir stoßen Dinge an, sammeln Menschen, schaffen Strukturen. Die Motivation kommt aus der eigenen Erfahrung: dass man nach der Ausbildung oft nicht weiß, wie es weitergeht, dass Wissen verstreut ist, dass man sich eine Möglichkeit wünscht, Leute zu finden, zu treffen und sich auszutauschen.

Wir sehen uns nicht als Gegenpol zu bestehenden Strukturen wie Innungen, Stiftungen oder lokalen Netzwerken, sondern als Ergänzung und Verbindung, als Sammelstelle, die die Leute zusammenbringt. Wir wollen Einheit zwischen den bestehenden Strukturen schaffen, nicht Konkurrenz.

Wir laden ausdrücklich dazu ein, dass sich weitere Menschen einbringen, auch solche, die schon länger mit der Holzbildhauerei zu tun haben oder nicht direkt als Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer arbeiten. Die Arbeit soll auf mehr Schultern verteilt werden, und wir wollen auch Menschen inspirieren, selbst aktiv zu werden.

Zur Nachhaltigkeit

Die gesamte Arbeit passiert ehrenamtlich. Damit das langfristig funktioniert, braucht es mehr Menschen, die bereit sind, über Jahre und Jahrzehnte mitzutragen. Das aktuelle Team kann das nicht alleine leisten. Der Kaleido e.V. bietet eine organisatorische Struktur, aber die Energie muss aus dem Netzwerk selbst kommen.

Was Vernetzung beitragen kann

Vernetzung kann einen wichtigen Beitrag leisten: Man trifft sich auf Symposien, tauscht sich aus, unterstützt sich gegenseitig. Das Netzwerk lebt davon, dass Menschen bereit sind, proaktiv etwas beizutragen. Holzbildhauerei muss kein Einzelkämpfer-Job sein. Gemeinsam lässt sich mehr erreichen, und es macht Freude, sich mit anderen Leuten zu treffen, die das gleiche Handwerk verbindet.

Was fehlt und was gebraucht wird

Übersicht über bestehende Strukturen

Bisher gibt es nur einen kleinen Überblick darüber, welche Netzwerke, Vereine und Initiativen es bereits gibt. Dieses Wissen muss gesammelt werden. Es ist wichtig herauszufinden, was es sonst noch gibt an Vernetzungen, welche Vereine und Gruppen aktiv sind und was sie machen. Das soll im Schnitzwerk als allgemeiner Wissensschatz für Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer zur Verfügung gestellt werden.

Kontakt zu etablierten Holzbildhauerinnen und Holzbildhauern

Es fehlt bisher der Kontakt zu Menschen, die seit vielen Jahren erfolgreich selbstständig sind. Ihre Perspektive und Erfahrung wäre wertvoll. Wir brauchen einfach mehr Kontakt zu Leuten, die wirklich gesetzt sind in ihrem Beruf.

Menschen, die sich kümmern

Es braucht mehr Leute, die bereit sind, Zeit zu investieren und Dinge voranzutreiben, die an der Speerspitze arbeiten oder initiieren. Diese Menschen sollen zusammenfinden. Wir wollen sie zusammensuchen und zusammenbringen.

Wissen und Dokumentation

Es gibt, soweit bekannt, kein umfassendes Lehrbuch zur Holzbildhauerei, keine übergeordnete Gestaltungslehre, kein Buch, das wirklich tief in die Gestaltung eingeht. Es gibt Schnitzbücher, aber nicht so etwas Richtiges. Eine Vision wäre, dass so etwas entsteht, entweder als klassisches Buch oder als kollektive Wissenssammlung im Schnitzwerk. Ein solches Lehrbuch könnte auch die Schulen dabei unterstützen, eine noch bessere Ausbildung zu schaffen.

Außerdem soll das Wissen, das in den Köpfen erfahrener Holzbildhauerinnen und Holzbildhauer existiert, festgehalten werden, bevor es verloren geht. Gerade Menschen, die in Zeiten gearbeitet haben, als das Handwerk anders funktionierte (mehr Zeit, andere finanzielle Rahmenbedingungen, mehr Raum für handwerkliche Tiefe), haben Erfahrungen, die heute schwer zu reproduzieren sind.

Öffentlichkeitsarbeit

Das Handwerk ist wenig sichtbar. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es den Beruf Holzbildhauerei gibt. Eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und ein gemeinsames Marketing könnten helfen, mehr Menschen für die Holzbildhauerei zu interessieren und die Schulen zu unterstützen, damit mehr Leute die Ausbildung machen.